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Design und Gestaltung in Agenturen: Veränderung erforderlich!

Gepostet am 26. November 2015 von in Agenturentwicklung, Change Management, Interview

Die nächste Generation an jungen Kreativen und Gestaltern steht in den Startlöchern: Veränderungen in routinierten Abläufen sind da nur die Konsequenz, denn der Nachwuchs mischt mit neugedachten Lösungsstrategien und -wegen die Karten neu. Meine Interviewpartnerin ADC-Mitglied und Fachfrau Prof. Barbara Kotte weiß ganz genau, mit welchen Veränderungen Agenturinhaber rechnen müssen. Und diese Meinung kommt nicht von ungefähr: Als ausgebildete Kommunikationsdesignerin hat sie selbst als Kreative in Werbeagenturen Hand angelegt. Nun arbeitet sie tagtäglich mit dem Designnachwuchs an einer Antwort, um Strategien für den Veränderungsprozess zu entwickeln.

Was haben Berlin und Hildesheim gemeinsam? Nun, ADC-Mitglied Barbara Kotte! Das kann man als eine Art gestalterisches Glück für beide Städte bezeichnen. Die Professorin bildet die Studenten an der Fakultät Gestaltung an der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim aus. Dabei ist ihr vorrangiges Kompetenzfeld die Konzeption mit dem Schwerpunkt auf Advertising Design. Ihr Heimathafen ist jedoch die pulsierende Kreativmetropole Berlin. Das Zuhause von Barbara Kotte liegt mitten im quirligen Kiez Prenzlauer Berg. Dort kennt man sie nicht nur als nette Nachbarin mit einem ausgewiesenen Architektur- und Kunstverständnis: Als Partnerin in der Kreativagentur SCROLLAN hat sie sich einen exzellenten Ruf erarbeitet.

Dieser Ruf ist auch dem Art Directors Club für Deutschland e.V. (ADC) nicht entgangen und im Rahmen einer Mitgliedschaft konnte man ihre Unterstützung gewinnen. Der rege Austausch unter den Experten sorgt für neue Impulse und die gibt Prof. Kotte natürlich gerne weiter. Es entsteht eine Art „Lobbyarbeit für Design“, wie sie betont und die Mitgliedschaft erweist sich als weiteres Bindeglied ihrer ganz persönlichen Wertschöpfungskette.

Ursprünglich ist Barbara Kotte eine Pflanze aus dem Ruhrpott und als Expertin für Design in der rheinländischen Agenturlandschaft weiter gewachsen. Stationen bei renommierten Werbern wie GREY oder Rempen & Partner in Düsseldorf zeugen davon. Und vermutlich deshalb sagt sie auch gerne: „Ich komme aus der Werbung.“ Bevor sie mit ihrer eigenen Design-Agentur SCROLLAN in Berlin sesshaft wurde, profitierten zudem noch Werbeprofis wie Scholz & Friends von ihrem gestalterischen Knowhow.

Ihr Fachwissen als Kommunikationsdesignerin ist ausgezeichnet und das bitte im wahrsten Sinne des Wortes: der Lead Award Gold reiht sich gleich an den Lead Award Silber, den iF Communication Design Award gab es sowohl in der Kategorie Unternehmensdarstellung als auch für Corporate Design. Darüber hinaus was sie war bereits zweimalig für den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland nominiert. Und die Auszeichnungen vom ADC Deutschland oder dem Type Director’s Club in New York zeigen ebenfalls auf, mit welchen Kernkompetenzen sich Prof. Barbara Kotte positioniert.

Kein Wunder also, wenn sie dem Nachwuchs mit den Worten „Designbewusstsein muss im Kindergarten starten“ gleich auf den ersten Lebensschritten ein ausgewogenes Grundempfinden für Design wünscht, dass die Wahrnehmung auf gelungene kreative Lösungen schärft. Verankert sich diese Wahrnehmung in einer breiten Bevölkerungsschicht und wird nicht nur von Unternehmensseite bedient, kann man aus einem großen Kreativpool schöpfen. „Beispielsweise Holland ist da schon viel weiter“, sinniert Barbara Kotte über mögliche Kreativpotentiale samt out-of-the-box Denken, nicht nur bezüglich der Nachwuchsförderung.

„Man darf nicht in Kanälen denken. Jeder muss alles denken können!“

Zugegeben ihre Studenten an der Fakultät für Gestaltung sind den Kinderschuhen schon längst entwachsen und gehen eigene Wege. Die gestalterischen Ambitionen werden jedoch von den Erfahrungswerten der Fachfrau begleitet und auf durchdachte Lösungsstrategien fokussiert. Dabei ist das autonome Denken die wichtigste Zukunftsdevise in der Ausbildung. Barbara Kotte ist davon überzeugt, dass man sich „Kompetenzen selber erarbeiten kann“. Für Gestalter sind ausreichende Softwareskills aus dem Werkzeugrepertoire á la Photoshop und Illustrator schon lange nicht mehr alleine zielführend. „Man kann sich in kürzester Zeit alles draufschaffen“, erklärt sie mit Blick auf das digitale Zeitalter. Dadurch ergeben sich schließlich „neue Wege hin zum Wissen“, erörtert sie und eine launige Anekdote unterstreicht ihren Gedankengang. „Vor kurzem habe ich meine Wäschetrockner repariert. Ein Tutorial auf Youtube hat das möglich gemacht“, schmunzelt sie. Das mag im ersten Moment ein alltägliches Beispiel für den Nutzwert von Netzvideos sein, gleichzeitig wird die eigentliche Intention der Gestaltungsexpertin verdeutlicht.

Eine zunehmende Digitalisierung beziehungsweise simple Youtube-Videos können neuen Raum für Wissen erschaffen. In diesem Zusammenhang wird die eigentliche Priorität deutlich: „Der Kopf muss passen, also das Denken stimmen. Den Rest kann man aufspielen.“ In ihrer Rolle als Dozentin versucht sie genau das an ihre Studenten zu vermitteln.

Denken und Design – für Prof. Barbara Kotte ist das folglich eine Symbiose, die der Kreativität ein Fundament gibt: „Designer müssen sich davon verabschieden, dass sie die Entscheider sind ob etwas grün oder rot ist. Denn das ist nicht mehr wichtig! Gestalter müssen viel mehr denken können und sich mehr in die Tiefe einarbeiten.“ Die fachkompetente Gestalterin ärgert sich dabei besonders über eine Entwicklung: „Im Design hat sich eine gewisse Fluffigkeit eingeschlichen. Die muss wieder weg.“

Die Professorin fordert deshalb von ihren Studenten „Verstand und eine genaue Produktkenntnis“, sie seien schließlich nicht als „Hübschmacher“, sondern Vordenker gefordert. Die Entwicklung einer ansprechenden kreativen Lösungsstrategie sollte nicht bei der Entscheidung des schönsten Layouts beginnen und auch nicht enden. Die Auseinandersetzung mündet bestenfalls in der Produktentwicklung. Ähnliche Szenarien kommen bereits in der Agenturlandschaft auf. „Erste Agenturen erfüllen nicht mehr nur Aufgaben, sondern sie entwickeln eigene Lösungen und Angebote – manchmal in Form von Produkten“, gibt sie zu bedenken.

„Man muss eher das Wasser denken und nicht den Fluss!“

Denken kann man, ihrer Philosophie folgend, lehren „in dem man Interesse weckt“. Sie möchte ihren Studenten die Freiheit und das Selbstbewusstsein mit an die Hand geben, dass sie sich ihrer Aufgabe bewusst sind, indem sie sich als wichtige Entscheider im Gestaltungsprozess wahrnehmen. Es entstehen überdisziplinäre Strategien zur Problemlösung. „Vermutlich“, so ihre persönliche Theorie, „hat die Neuordnung der Studiengänge einen erheblichen Teil dazu beigetragen das eigenständige und lösungsorientierte Denken zu fördern.“ Womöglich liegt es auch an den heutigen Bachelor- und Masterstudiengängen, die sich unter anderem als theoretische Schwergewichte präsentieren. Zusätzlich kommen die sogenannten credit points ins Spiel. Dabei handelt es sich um eine Systemumstellung, die im Zuge der Bachelor- und Masterstudiengänge die Fachhochschulen und Universitäten erreichte. Das Bewertungssystem credit points koppelt studentische Fachleistungen an den Faktor Zeit. „Insofern lernen Studenten schon früh eine Aufgabenstellung innerhalb einer vorgegebenen Zeit zu erfüllen“, berichtet die Professorin. Diesbezüglich ist der Wechsel zwischen Studium und Beruf kein Kulturschock mehr und die Nachwuchskräfte sind gewappnet gegen den vorherrschenden Leistungsdruck in der Berufswelt.

Eine andere Generation von Gestaltern durchdringt in der Folge den Arbeitsmarkt und verändert mit ihrer Sichtweise die Agenturlandschaft. Die Dozentin hofft, dass „(…) eine neue Generation von Absolventen auf den Markt kommt, die auch besser denken können.“

Für diesen Nachwuchs gibt es hoffentlich keine disziplinären Grenzen mehr oder eine anerzogene Fachblindheit beschränkt sie auf einen (Lösungs-)Kanal. Vielmehr sollte das „Problemlösungsbewusstsein jede Form annehmen können“, meint Barbara Kotte. Die Firmen können dadurch nur profitieren. „Nichtlineare Denkprozesse gehören in jedes Unternehmen“, fordert sie deshalb. Auch der maximale Zugang zu Informationen erleichtert die Arbeit für Kunden. Manchmal kommen Informationen auf den Präsentierteller an die der Kunde beim Briefing noch nicht gedacht hat, die aber die Lösungsfindung anfeuern.

Was man als kreativer Dienstleister letztendlich immer tun kann, um neuen Anforderungen zu begegnen? Die konzeptionelle Gestalterin hat einen ganz einfachen, dennoch effektiven Tipp: „Wachbleiben!“

Tags: Agenturveränderung / Design / Gestaltung

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